Geländerhöhe richtig gemessen

(August 2017) Bei einem Streitfall zwischen einem Metallbauer und einem Sachverständigen ging es um die regelgerechte Messung der Geländerhöhe. Warum der Metallbauer Recht bekam, lesen Sie im Beitrag.

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Der Untergurt ist keine Aufstiegshilfe. Die Geländerhöhe ist ab Vorderkante Trittstufe beziehungsweise Oberfläche Podest zu messen. Foto: M&T

Schadensbeschreibung

Der Metallbauer hatte im vorliegenden Fall Geländer gebaut, die im Auftrag des Bauherrn durch einen Sachverständigen abgenommen werden sollten. Bei der Abnahme zeigte sich, dass Metallbauer und Sachverständiger eine Meinungsverschiedenheit zu den Messregeln für die Geländerkonstruktion hatten.
Auszuführen waren Treppen- und Balkongeländer aus Baustahl mit Ober- und Untergurt sowie senkrechten Füllstäben für ein Mehrfamilienhaus. Die Geländerhöhe war im Leistungsverzeichnis mit neunzig Zentimeter angegeben. Der Metallbauer hatte 92 Zentimeter ausgeführt, um die Mindestanforderung aus der Landesbauordnung (hier: Nordrhein-Westfalen) von 0,90 Meter für Absturzhöhen bis zwölf Meter auf jeden Fall einzuhalten.
Bei der Abnahme konfrontierte der Sachverständige den Metallbauer mit der Behauptung, die Geländer entsprächen nicht den geltenden Anforderungen. Sie seien zu niedrig. Weil das Überklettern durch Kleinkinder zu erschweren sei, müsse die Geländerhöhe ab dem Untergurt gemessen werden.
Zu beantworten war also die Frage, ob es sich bei Untergurten um Aufstiegshilfen handelt und die Geländerhöhe daher ab Untergurt zu messen ist.

Fehleranalyse und -bewertung

Regelungen zu Umwehrungen finden sich in der hier heranzuziehenden Landesbauordnung aus Nordrhein-Westfalen im Paragraf 41 Umwehrungen, insbesondere im Absatz 1:
„(1) In, an und auf baulichen Anlagen sind Flächen, die im Allgemeinen zum Begehen bestimmt sind und unmittelbar an mehr als 1 m tiefer liegende Flächen angrenzen, zu umwehren. …
Die Mindesthöhen sind in Absatz 4 vorgegeben:
„(4) Notwendige Umwehrungen müssen folgende Mindesthöhen haben:
1. Umwehrungen zur Sicherung von Öffnungen in begehbaren Decken, Dächern sowie Umwehrungen von Flächen mit einer Absturzhöhe von 1 m bis zu 12 m 0,90 m,
2. Umwehrungen von Flächen mit mehr als 12 m Absturzhöhe 1,10 m.“
Konkretisierungen dieser allgemeinen Regelungen des Paragraf 41 der Landesbauordnung für die Ausbildung von Umwehrungen und Brüstungen gibt es aus Nordrhein-Westfalen nicht.
Für Gebäudetreppen ist DIN 18065 die allgemein anerkannte Regel der Technik. Diese Norm ist in allen Bundesländern, mit Ausnahme von Nordrhein-Westfalen, zudem bauaufsichtlich eingeführte technische Baubestimmung. Sie gilt grundsätzlich für Treppen in und an Gebäuden, wenn nicht Sondervorschriften bestehen.
In Absatz 6.8 „Geländer“ finden sich darin zudem Anforderungen an Geländer und Öffnungen in Geländern und Umwehrungen. Zu den Geländerhöhen heißt es in Absatz 6.8.2 unter anderem: „…Die Mindestmaße entsprechen den Anforderungen der Landesbauordnungen.“
Maßnahmen, um das Überklettern von Geländern durch unbeaufsichtigte Kleinkinder zu erschweren, sind nach DIN 18065, Absatz 6.8.3 zum Beispiel die Anordnung senkrechter Stäbe.
Messregeln finden sich in DIN 18065 in Abschnitt 4. Zur Treppengeländerhöhe heißt es in 4.14: „Die Höhe des Treppengeländers wird als lotrechtes Fertigmaß von Vorderkante Trittstufe Oberfläche Podest bis Oberkante Treppengeländer gemessen.“
Der mit der Abnahme beauftragte Sachverständige wurde gebeten, seine Behauptung zu belegen und die Quelle zu benennen, auf deren Grundlage er die Abnahme verweigerte. Nach wiederholter Aufforderung benannte dieser die Veröffentlichung eines Sachverständigenverbandes, nicht aber Verweise auf die geltende Landesbauordnung von Nordrhein-Westfalen, Normen und sonstige allgemein anerkannte Regeln der Technik.
Bauaufsicht, zuständiger Normenausschuss und öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für das Metallbauerhandwerk teilen die Auffassung, dass ein Untergurt nicht als Übersteig- oder Kletterhilfe anzusehen ist.
Ein unbeabsichtigtes Betreten des Untergurtes kann wegen der Lage innerhalb der Ebene der Füllstäbe und des restlichen Geländers ausgeschlossen werden. Selbst Profile von raumhohen Fenstern beziehungsweise Fenstertüren werden nicht als Flächen, die im Allgemeinen zum Begehen bestimmt sind, angesehen.
Je nach geltender Landesbauordnung, gibt es Regelungen dahingehend (je nach Bundesland unterschiedlich benannt: Handlungsempfehlungen, Durchführungsverordnung, Bauprüfdienst), dass, wenn mit der Anwesenheit von unbeaufsichtigten Kleinkindern zu rechnen ist, ein Überklettern bis zu einer Höhe etwa sechzig bis siebzig Zentimeter zu erschweren ist. Dies bezieht sich ausdrücklich auf den sogenannten Leitereffekt, der zu verhindern ist, bei Geländern mit vertikalen Füllstäben jedoch nicht gegeben ist. Ein Leitereffekt wäre zum Beispiel bei Geländern mit horizontalen Füllstäben gegeben.

Schadensvermeidung und -beseitigung

Die Höhe des Geländers ist im vorliegenden Fall somit von der Fläche zu ermitteln, die im Allgemeinen zum Begehen bestimmt ist. Dies ist nicht der Untergurt, sondern die Fläche vor dem Geländer.
Die Anforderungen der LBO und der DIN 18065 sind bezüglich der Geländerhöhe eingehalten. Das Erschweren des Überkletterns ist durch die senkrechten Füllstäbe gegeben. Die Abnahme kann nicht verweigert werden.

Das sollten Sie beachten

Sachverständige haben sich bei der Beurteilung von Leistungen an die bauaufsichtlichen Anforderungen und einschlägigen technischen Regeln zu halten, die zum Zeitpunkt der Erstellung für die Planung und Ausführung galten. Nutzen sie weitere Veröffentlichungen, ist genau zu prüfen, ob darin die allgemein anerkannten Regeln der Technik widergegeben sind. Empfehlungen irgendwelcher Interessengruppen wegen vermeintlicher Reglungslücken müssen bei der Beurteilung außen vor bleiben. Das gilt insbesondere dann, wenn damit bestehende Regelungen verschärft oder neue erfunden werden.
Für das Metallbauerhandwerk haben sich in diesem Zusammenhang das Fachregelwerk und bezüglich der Geländer insbesondere die BVM-Geländer-Richtlinie als wertvolle Hilfe erwiesen. Diese sind aus den Fachkenntnissen eines Fachverbandes mit öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für das Metallbauerhandwerk und den zuständigen Fachgruppen entstanden und fassen die geltenden Anforderungen nebst Hinweisen für die regelgerechte Ausführung zusammen.

Passend zum Thema haben wir eine kostenlose Übersicht über die Geländerhöhen für den Privatbereich für Sie bereit gestellt. Zum PDF

Karsten Zimmer

Letzte Aktualisierung: 21.09.2017