Schweißen: Nahtfehler an kaltgeformten Hohlprofilen

(Januar 2018) Wie wichtig ein angemessene Wareneingangskontrolle (nicht nur wegen der Regelungen der DIN EN 1090-2) ist zeigt dieser Schadensfall. An kaltgeformten Hohlprofilen, die auch mit den korrekten Materialzeugnissen ausgestattet waren, wurden (leider zu spät) nicht durchgeschweißte Hohlnähte festgestellt. Hier die Details.

nicht vollständig durchgeschweißte Naht am Hohlprofil.
Hohlprofil mit nicht vollständig durchgeschweißter Naht. Fotos. Schasse

Das Erfordernis einer Wareneingangsprüfung wird von den Unternehmen wohl kaum in Frage gestellt. Vielmehr geht der Streitpunkt um die Frage der Verhältnismäßigkeit, also dem Verhältnis von Aufwand zu Nutzen der Prüfung.
Im vorliegenden Schadensfall bezieht und verarbeitet ein größeres Stahlbauunternehmen seit vielen Jahren kaltgeformte Hohlprofile von einem Materiallieferanten. In Übereinstimmung mit den Regelungen der DIN EN 1090-2 wurden die gelieferten Materialien stets mit entsprechenden und korrekten Materialzeugnissen geliefert. Die Vormaterialien waren mit einer CE-Kennzeichnung versehen und wurden in europäischen Lieferwerken innerhalb und außerhalb der EU hergestellt. Im Zug der durchgeführte Wareneingangsprüfung bei Warenanlieferung, welche aus einer visuellen Kontrolle der von außen einsehbarer Bundware, einer Vollständigkeitskontrolle mit dem Lieferschein und einer Kontrolle der Kennzeichnungsschilder bestand, wurden keine Abweichungen festgestellt. Anschließend erfolgte der Zuschnitt der mehreren Tonnen umfassenden Lieferung. Erst im Zuge des Zusammenbaus der Stahlkonstruktion erschienen für einige Mitarbeiter die Oberflächen bei mehreren Hohlprofilen bereichsweise optisch auffällig. Weiterführende Prüfungen der Bereiche (visuell und mit zfP-Verfahren) ergaben nicht durchgeschweißte Längsnähte bei den Hohlprofilen.

Prüfen Sie die statische Tragfähigkeit

Im Rahmen der Schadensuntersuchungen galt es nachfolgende Fragestellungen zu erläutern:

  • Ist die statische Tragfähigkeit des Profils noch gegeben?
  • Kann der festgestellte Schaden reklamiert werden?

Statische Tragfähigkeit des Profils

In den Regelwerken für die Herstellung und Lieferung der kaltgeformten Hohlprofile, der DIN EN 10219, Teil 1 und Teil 2, können Kennwerte für die Profilgeometrie, statische Widerstandswerte und Festigkeitsangaben entnommen werden. Hinsichtlich der Schweißnahtausführung wird dabei lediglich von einer geschweißten Ausführung gesprochen. Festlegungen und Regelungen zur vollständigen Durchschweißung über die volle Profillänge oder zum Erfordernis einer Schweißnahtprüfung sind nicht vorhanden. Im vorliegenden Schadensfall wurden beanstandete Träger einer probeweisen Biegebelastung unterzogen. Die nur partiell durchgeschweißten Nähte beziehungsweise die Bereiche mit nicht hergestellten Nähten verhielten sich wie Risse und führten zum Bauteilversagen. Die erreichten Biegefestigkeiten unterschritten die in der Statik errechneten Beanspruchungen. Die Profile waren damit für das Projekt nicht zu verwenden.

Reklamation des Schadens

Geschweisste Naht mit geringer Biegebelastung
Gerissene partiell geschweißte Naht unter geringer Biegebelastung.

Der grundlegende Anspruch auf Reklamation war durch die bereits erfolgte Weiterverarbeitung der Vormaterialien (Zuschnitt) verwirkt. Entsprechend den Regelungen des HGB (§§ 277, 278) muss die Wareneingangsprüfung umgehend erfolgen. Festgestellte Mängel müssen zudem sofort angezeigt werden. Diese gesetzlichen Regelungen sind gewollt zum Schutz der Lieferanten erlassen worden und könne durch vertragliche Vereinbarungen nicht entkräftet werden. Die Wareneingangsprüfung kann und muss auch noch nach der eigentlichen Warenannahme erfolgen. Im vorliegenden Fall waren die Profile bei Anlieferung als Bundware fixiert. Spätestens zum Zeitpunkt des Auflegens der Profile zum Zuschnitt hätte die visuelle Wareneingangsprüfung weiter durchgeführt werden müssen.

Prüfen Sie bewusst und genau

Die Schadensbeseitigung erfolgte durch die Rücknahme und den Austausch der beanstandeten Hohlprofile durch den Zwischenhändler. Allerdings erfolgte dies auf Kulanz und begründete sich in dem „Machtverhältnis“ des verarbeitenden Stahlbauunternehmens zu dem Zwischenhändler. Eine rechtliche Grundlage für einen Anspruch bestand nicht mehr.
In der Schadensvermeidung, insbesondere auch für Unternehmen mit geringeren Abnahmemengen, ist es umso wichtiger Wareneingangskontrollen durchzuführen. Diese dürfen sich dabei nicht nur auf die visuelle Stichprobenprüfung der Ware und eine Vollständigkeitskontrolle im Zuge der Anlieferung beschränken. Vielmehr muss auch der einzelne Mitarbeiter vor einer weiteren Verarbeitung der Vormaterialien diese bewusst visuell prüfen. Dies geschieht ohnehin im Zuge des innerbetrieblichen Transports und beim Auflegen der Vormaterialien auf die Säge. Festgestellte Unregelmäßigkeiten müssen umgehend und vor einer Weiterverarbeitung dem Lieferanten schriftlich angezeigt werden.

Schadensvermeidungs-Tipp
Das sollten Sie beachten:

  • Kontrolle von Vormaterialien nicht nur im Zuge der Anlieferung, sondern durch jeden einzelnen Mitarbeiter vor dem ersten Bearbeitungsschritt (Zuschnitt, Anarbeitung, Bohren etc.),
  • Umgehende schriftliche Beanstandung an den Lieferanten bei festgestellten Unregelmäßigkeiten oder Fehlern,
  • Vereinbarung/Bestellung vollständig durchgeschweißter Profile bei Verwendung (kalt)geformter und geschweißter Hohlprofile (Quadrat,- Rechteck- u. Rundhohlprofile).


Passend zum Thema haben wir wichtige Hinweise auf Normen, Richtlinien, Verordnungen und Regeln zusammengestellt.
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Dr. Rene Schasse