„Fachkräftesicherung ist unsere wichtigste Baustelle!“

Wie findet und unterstützt die Berufsorganisation junge Menschen auf dem Weg ins Metallhandwerk? Dieser Aufgabe widmet sich der Bundesverband Metall sehr aktiv. BVM-Vizepräsident Michael Winterhalter erläutert im Interview diese besonders wichtigen Aktivitäten und gibt Tipps für Betriebe.

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„Auch wenn die Lehrlingszahlen in den letzten Jahren weniger stark abnehmen, wir können und wollen weit mehr Lehrlinge ausbilden als derzeit den Weg zu uns finden.“
Foto: M&T

Was sind in der Berufsbildung derzeit die größten Heraus­forderungen für den BVM?

Nachwuchsgewinnung und damit die Fachkräftesicherung sind derzeit unsere wichtigste Baustelle. Das teilen uns die Mitgliedsbetriebe bei unseren regelmäßigen Konjunkturdatenerhebungen mit. Auch wenn die Lehrlingszahlen in den letzten Jahren weniger stark abnehmen, wir können und wollen weit mehr Lehrlinge ausbilden als derzeit den Weg zu uns finden.

Wie können Bewerber, die in der Schule nicht ganz so erfolgreich waren, trotzdem gute Metallbauer werden?

Sie sprechen damit die jungen, zum Teil auch schulmüden, Jugendlichen an, deren Talente über praktische Erfahrungen geweckt werden wollen. Da hilft am allerbesten der Weg über ein Betriebspraktikum. Ein Praktikum ist aus Sicht unserer Metallbetriebe der erfolgversprechendste Weg zu einer Ausbildung im Metallhandwerk. Im Praktikum zeigt sich schnell ob Betrieb und Lehrling zueinander passen. Es lohnt sich daher auf jeden Fall, in einem Metallbau- oder Feinwerkmechanik-Betrieb nach einem Praktikumsplatz zu fragen.

Was trägt der Bundesverband dazu bei?

Um die Nachwuchswerbung in den Regionen zu stärken, hat der BVM in den vergangenen sieben Jahren Berufsorientierungsbeauftragte ausgebildet, die vor Ort die Nachwuchswerbung bei den Innungen und Betrieben unterstützen. Zusätzliche Unterstützung bietet der BVM über Werbematerialien, Leitfäden und Messestandkonzepte bis hin zu Unterrichtsmaterialien für die allgemeinbilden Schulen. Ein Berufslaufbahnkonzept wurde entwickelt, mit dem jungen Menschen die vielfältigen Qualifizierungsmöglichkeiten in den Metallberufen vor Augen geführt werden. Im vergangenen Jahr kam die Berichtsheft-App dazu. Neben dem praktischen Nutzen dieser App zeigen wir damit, dass wir in der Ausbildung der Metallberufe auf dem neuesten Stand sind. Auch das schafft Attraktivität bei jungen Menschen. Ende 2019 haben wir außerdem eine neue Nachwuchskampagne in Auftrag gegeben. Die wird derzeit entwickelt. Uns ist bewusst, dass wir nicht allein um den Nachwuchs werben. Daher geben wir uns Mühe, aus der Masse hervorzustechen, analog und digital. Unser Signal ist: „Mit einer Ausbildung im Metallhandwerk schaffst Du Dir attraktive Einkommens- und Lebensperspektiven. Es lohnt sich also.“

Wie schätzt der Bundesverband die Möglichkeiten ein, Flücht­linge in Ausbildungsberufe im Metallhandwerk zu integrieren?

Geflüchtete sind im Metallhandwerk willkommen. Dabei ist das Sprachniveau wichtig. Aus unserer Erfahrung in den vergangenen Jahren empfehlen wir Geflüchteten für einen Einstieg in die Metallberufe idealerweise das Sprachniveau B2. Damit können diese Menschen in den Betrieben gut starten und lernen, beispielsweise müssen sie die im Metallhandwerk relevanten Arbeitssicherheitsinformationen lesen und verstehen können. Die mit der Ausbildung verbundene Bleibeperspektive kommt uns dabei sehr entgegen und hilft, das Fachkräfteproblem in Teilen zu decken.

Gibt es Beispiele, bei denen das gelungen ist?

Ja, ich selbst bilde derzeit einen jungen Geflüchteten in meinem Betrieb aus und bin damit sehr zufrieden. Der junge Mann ist seit zwei Jahren in Deutschland, hat sich von Beginn an Mühe gegeben die Sprache und die Kultur zu lernen und geht hochmotiviert an die Arbeit. Für die Integration bekommt er momentan noch externe Unterstützung. Auch aus meinem Kollegenkreis wird mir von ähnlich guten Erfahrungen berichtet. Es gibt sicherlich auch Beispiele, wo das nicht so gut gelingt. Schwierigkeiten in der Ausbildung erleben wir aber auch bei Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind, genauso und müssen damit umgehen. Daher: Für uns Betriebe sind Geflüchtete eine realistische Chance. Ich kann nur empfehlen, diese Möglichkeit zur Fachkräftesicherung ins Auge zu fassen.

Wie unterstützt die Lernsoftware des BWM die Lehrlinge?

Wir wollen Auszubildende des Metallhandwerks langfristig und dauerhaft qualifizieren und damit einhergehend den Fachkräftebedarf im Metallhandwerk zu decken. Dafür haben wir ein zeitgemäßes Angebot geschaffen. Das Bildungswerk Metall bietet in Zusammenarbeit mit der Cornelsen-eCademy für verschiedene Ausbildungsberufe im Metallhandwerk, entsprechend der jeweiligen Ausbildungsrahmenlehrpläne, Ausbildungsbausteine in E-Learning-Form an. Wir werben darum und empfehlen, sich über diese Werkzeuge selbstgesteuerte Lerninhalte anzueignen.

Welche Best-practice-Beispiele nennen Sie einem Metallbauer, wenn er Sie um Rat für die Akquisitionen von Nachwuchs bittet?

Durch die oben bereits beschriebenen Maßnahmen und Materialien zur Berufsorientierung können wir auf einen umfangreichen Fundus an best-practice-Beispielen zurückgreifen. Wir haben dabei Betriebe oder auch Innungen, die ihre Lehrlingszahlen signifikant steigern konnten. Unsere Empfehlungen gehen dabei stark in Richtung Schulkooperation und Ausbildungsmesse oder auch Tage der offenen Tür mit Aktions- und Infomaterialien. Dabei kommen zum Beispiel unsere Metallrosen sehr gut an. Wenn die jungen Besucher diese Rosen biegen und zusammenbauen, wird der Messestand schnell zu einem Publikumsmagneten, was die Chancen auf Praktikumskontakte deutlich erhöht. Über das aktive handwerkliche Tun eröffnet sich so bestenfalls der Weg in einen Metallberuf.

Themen wie Smart Home, BIM und Elektronik werden im Alltag des Metallbauers wichtiger. Welche Anpassungen gibt es dazu in der Ausbildung?

Die Ausbildungsordnungen, die wir als Verband mit unseren Sozialpartnern abgestimmt haben, sind mit Blick auf diese Themen handlungsoffen. Unsere Metallbetriebe haben digitalisierte Verfahren in ihre Geschäftsprozesse implantiert. So findet eine kontinuierliche Anpassung an die Anforderungen in der betrieblichen Praxis bis hin zur Schulung in der Überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung statt.

Welche weiteren Trends müssen die Ausbildungsgremien berücksichtigen?

Die Digitalisierung wird neben den Herausforderungen bei Betriebsabläufen und Fertigungsprozessen auch zu einem Treiber im Ausbildungsgeschehen. Das digitale Berichtsheft weist beispielsweise die Richtung. Des Weiteren werden wir immer mehr die Prüfungsabläufe digitalisieren. Onlineprüfungen werden immer mehr zum Thema. Dazu hat der Bundesverband Metall ein metallhandwerks-spezifisches Produkt aufgelegt. Die neue Berichtsheft-App des Bundesverbandes Metall ermöglicht es Auszubildenden, den Ausbildungsnachweis per App auf dem Smartphone zu führen. Die App macht die alte, schriftliche Form des Berichtshefts überflüssig: Die einfache Bedienung macht es Azubis leicht, jederzeit Berichte am Smartphone zu schreiben. Auch Fachberichte können leicht erstellt werden – dabei hilft der Zugriff auf die Kamera- und Sprachfunktion des Handys. Sie sehen, wir versuchen an allen sich bietenden Stellen aktuelle Trends aufzugreifen.

Zur Person
Michael Winterhalter ist Vizepräsident im BVM und verantwortet den Fachbereich Berufsbildung im Bundesverband Metall. Er ist Geschäftsführer der Winterhalter GmbH in Freiburg. Das 1963 in Freiburg gegründete Familienunternehmen plant, produziert und montiert anspruchsvolle Konstruktionen aus Stahl, Aluminium, Edelstahl und Glas. Das rund achtzig Mitarbeiter zählende hoch motivierte Team hat größtenteils eine langjährige Erfahrung im Unternehmen und wurde im Betrieb selbst ausgebildet, es stellt sich immer wieder schwierigsten Aufgaben. In vielen Stadtbildern von Schwerin bis Basel sind große und kleine Umsetzungen der Winterhalter Stahlbau GmbH sichtbar.

Letzte Aktualisierung: 13.02.2020